|
Sie befinden sich hier: Lesen & Sehen / Artikel / Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren... /
Zu Hilfe, zu Hilfe, sonst bin ich verloren...

von Valentin Schmitt
So singt nicht nur Tamino mit inbrünstiger Stimme in seiner ersten Arie, so lautet auch der Titel eines Buches über Mozart, in dem vor allem Fragen des Tempos bei Mozartschen Werken erörtert werden. Die meisten aktuellen CD-Einspielungen und Live-Aufführungen kommen darin nicht gut weg: Alles wird viel zu schnell gespielt, die modernen Interpretationen überreizen sehr oft die Tempi. Das klingt virtuos, fetzig, von hoch spezialisierten Profis mit verblüffender Perfektion dargeboten. Aber ist es im Sinne Mozarts?
Die Autorin Grete Wehmeyer hat diesbezüglich fleißig recherchiert:
Das Metronom war ja zu Mozarts Zeiten leider noch nicht erfunden; die ersten Metronomzahlen zu Werken Mozarts sind aus dem Jahr 1822 überliefert, d.h. 30 Jahre nach Mozarts Tod. Und diese Zahlen haben die Fachwelt sehr verblüfft: Es waren extrem schnelle Tempi. Alle virtuosen Geschwindigkeitsfanatiker fühlten sich bestätigt. Somit entartete zum Beispiel die berühmte Rachearie der Königin der Nacht zum soubrettenartigen Koloraturfeuerwerk; Rachegefühl, Machtgier, majestätische Ausdruckskraft blieben auf der (Hochgeschwindigkeits-) Strecke. Die Autorin deckt den Irrtum auf, indem sie die Metronomzahlen - wie damals wohl üblich - metrisch interpretiert, d.h. zu jeder durch eine Zahl definierten Viertelnote gehören zwei Metronomschläge: Das Tempo ist also halb so schnell. Und dadurch bekommt auch die Königin der Nacht ihre Würde und Macht zurück. Auch andere Quellen und Argumente für ihre gemäßigte Tempovorstellung führt Grete Wehmeyer noch auf, u. a. auch Zitate von Zeitgenossen Mozarts, wie G.N. Nissen, den Constanze nach Mozarts Tod heiratete: „Über nichts klagte Mozart heftiger als über „Verhunzung“ seiner Compositionen, hauptsächlich durch Übertreibung der Schnelligkeit des Tempos. Da glauben sie, hierdurch solls feuriger werden; ja, wenns Feuer nicht in der Composition steckt!“
Einem Schulorchester und Sängern, die meist zum ersten Mal auf der Bühne stehen, kommen diese Worte sehr gelegen. Der Faktor Zeit spielt bei technisch schwierigen Passagen schon eine nicht zu verachtende Rolle, doch auch der Hörer hat meiner Meinung nach bei langsamen Tempi mehr Zeit und Muse, die fantastischen Musikideen eines Genies wie Mozart mitzuverfolgen und auch mit vollem Genuss aufzunehmen. In unserer musikalischen Fast-Food-Zeit sollten wir jede Chance nutzen, in aller Ruhe die zeitlose Musik Mozarts gourmetartig zu genießen. Dazu wünsche ich guten Appetit. 
|